Ed Catmull, Pixar-Präsident: „Alle unsere Filme sind am Anfang Mist.“

In Deutschland wird häufig mehr „Fehlerkultur“ in Unternehmen und Organisationen aller Art gefordert. Aus Fehlern könne man lernen und so Entwicklung vorantreiben. Da ist was dran, aber mal ehrlich: „Wir wollen eine tolle Fehlerkultur.“ – Klingt das attraktiv? Motivierend?

Lassen Sie uns auf der Suche nach einer Alternative einmal mit Wolfgang Stuflesser, ARD-Korrespondent in Los Angeles, bei den Pixar Animation Studios vorbeischauen:

„Alle unsere Filme sind am Anfang Mist.“

Pixar steht für intelligente, witzige und zugleich tiefsinnige, berührende Geschichten wie Toy Story, Das große Krabbeln, Findet Nemo, Die Monster AG oder Ratatouille. In seinem neuesten Werk „Alles steht Kopf“ geht es um die 11jährige Riley und ihre Gefühle, als die Familie in eine andere Stadt zieht und damit auch für Riley der Albtraum vieler Kinder wahr wird. Der Film verlegt die Handlung in Rileys Kopf hinein – mit ihren Emotionen als Hauptdarstellern: Freude, Kummer, Angst, Wut und Ekel. Wie diese fünf zusammenwirken, wie sie im Chaos versinken und wie sie schließlich vereint eine neue Welt schaffen – „Alles steht Kopf“ ist ein Meisterwerk, das nach Ansicht vieler Kritiker gute Chancen hat, als erster Animationsfilm den Oscar für den besten Film des Jahres zu bekommen.

Und dennoch: „Alle unsere Filme sind am Anfang Mist“, stellt Ed Catmull, Präsident von Pixar, fest und beteuert, dass das keine falsche Bescheidenheit sei.

Wie kommt Pixar vom „Mist“ zum Oscar?

Pixar arbeitet stets nach derselben Methode:

  • Zunächst entsteht ein grober Film in Form von Standbildern und ersten Dialogen. Die Dialoge werden von Pixar-Kollegen gesprochen, nicht von Schauspielern.
  • Der Film wird der gesamten Firma gezeigt, und alle dürfen ihre Kommentare dazu auf Zetteln abgeben. Diese „Notes“ werden sorgfältig ausgewertet.
  • Der Film wird weiterentwickelt und etwa alle vier Monate erneut vorgeführt. Bei „Alles steht Kopf“: zehn Mal.
  • Weil im Laufe der Arbeit die Gefahr wächst, dass die Regisseure vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen, holen sie das Feedback von anderen Regisseuren ein.
  • In besonders kritischen Situationen kann der Regisseur auf den „Braintrust“ zurückgreifen. Der „Braintrust“ besteht aus Top-Führungskräften von Pixar, Regisseuren und Drehbuchchefs. Sie beraten den Regisseur, dürfen aber keine Anweisungen geben.
    Bei „Alles steht Kopf“ war Regisseur Pete Docter an diesem Punkt, als er nach zwei Jahren Arbeit an dem Film feststellte, dass „Angst“ nicht der richtige Gegenspieler von „Freude“ war. Docter war kurz davor, das Projekt aufzugeben, als ihm aufging, dass „Kummer“ der richtige Gegenspieler war. In solchen Krisen kann der Regisseur auf den „Braintrust“ zurückgreifen.
Du musst dich nicht auf die Lösung stürzen, die sicher funktioniert. Es wird im Grund erwartet, dass du Fehler machst; niemand geht davon aus, dass du es beim ersten Mal richtig machst.“
Pete Docter, Regisseur von „Alles steht Kopf“

 

Kann es auf Neuland Fehler geben?

Beruht der Erfolg von Pixar also auf einer guten Fehlerkultur? Wer etwas Neues schaffen will, wagt sich ins Unbekannte. Keiner kann sicher sagen, wie es dort aussieht und was dort funktioniert. Kann es bei dem Weg ins Unbekannte also überhaupt Fehler geben? Oder kann es über den besten Weg auf Neuland nur Vermutungen geben, die sich durch Ausprobieren entweder bestätigen oder durch neue Erkenntnis ersetzt werden? Der Begriff „Fehlerkultur“ suggeriert dagegen, dass auch auf unbekannten Terrain Fehler möglich seien und baut damit eine nicht geringe Hemmung vor dem Wagnis auf.

Entwicklungskultur statt Fehlerkultur

Warum nicht lieber von „Entwicklungskultur“ sprechen? Eine gute Entwicklungskultur ermutigt Pioniere,

  • sich durch Ausprobieren zu neuen Zielen vorzutasten,
  • sich durch Feedback Sackgassen zu ersparen,
  • die Erfahrung anderer Pioniere zu nutzen,
  • mit Hilfe Anderer zusätzliche Perspektive auf die eigene Arbeit zu gewinnen.

Und: eine gute Entwicklungskultur steht auch dann loyal zu ihren Pionieren, wenn sich am Ende herausstellt, dass „die Geschichte nicht funktioniert“.

Aber was, wenn es nicht darum gehen soll, etwas Neues zu schaffen? Wenn Bestehendes erhalten und dabei nur Fehler künftig vermieden werden sollen? Braucht es nicht dann eine „Fehlerkultur“? Auch hier gibt es eine Wortschöpfung, die den Fokus verschiebt auf das Ziel jeder Fehlervermeidung: die „Verbesserungskultur“.

It’s Pixar Time!

Wollen Sie in Ihrem Job oder in Ihrem Privatleben etwas Neues schaffen, vielleicht sogar sich selbst weiterentwickeln, haben aber bisher nur eine vage Idee dazu und jede Menge Zweifel, ob es klappt? Dann sagen Sie sich doch mal: „It’s Pixar Time!“, schaffen Sie sich Ihre persönliche Entwicklungskultur und legen Sie los:

  • Stellen Sie sich grob vor, welche „Geschichte“ Ihr Vorhaben erzählen will.
  • Entwickeln Sie die Eckpunkte der Handlung. Hauptdarsteller und Regisseur sind Sie.
  • Suchen Sie sich den „Braintrust“ und die Feedbackgeber für Ihr Vorhaben: Menschen, die Ihnen wohlgesonnen sind, Ihnen aber nicht nach dem Mund reden.
  • Jetzt kommt die Ablaufplanung. Denken Sie das Vorhaben Schritt für Schritt durch, aber verlieren Sie sich nicht in Details. Setzen Sie lieber die ersten Schritte um; dann merken Sie schneller, ob Ihre Geschichte so „funktioniert“ und können optimal nachsteuern.
  • Nutzen Sie Ihre Feedbackgeber und Ihren Braintrust: Sie stehen Ihnen zur Seite und helfen Ihnen, schneller ans Ziel zu kommen!
  • Wenn sich Ihr Vorhaben trotz aller Mühen als „totes Pferd“ erweist, egal zu welchem Zeitpunkt: Steigen Sie ab!
  • Wenn Sie aber auf dem Pixar-Weg Ihr Vorhaben umsetzen konnten: Herzlichen Glückwunsch – verleihen Sie sich Ihren Oscar!

Mehr zur Pixar-Unternehmenskultur:
Ed Catmull, Die Kreativitäts-AG – wie man die unsichtbaren Kräfte überwindet, die echter Inspiration im Wege stehen, 2014ölsdakföla

 

Bildnachweis: Ausschnitt aus: By VES_Awards_89.jpg: Jeff Heusser derivative work: Ahonc (This file was derived from  VES Awards 89.jpg:) [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons

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