Echt mal was Neues – die Bénard-Zellen

Bénard-Zellen

Auch im Change Café ist der Jahreswechsel natürlich Thema. Haben Sie sich etwas Bestimmtes vorgenommen? Dann viel Erfolg damit!

Vielleicht gehören Sie aber auch zu denen, die zwar nicht so wirklich zufrieden sind, aber auch keine Lust auf einen der üblichen Vorsätze haben.

Dann hätte ich eine Idee für Sie: Machen Sie doch mal eine Anleihe für das Neue bei der Physik und bringen Sie Konvektion in Ihr Leben!

Alles, was Sie brauchen, ist ein wenig Energie (wirklich, ein wenig reicht schon), Neugier auf sich selbst und ein bisschen Mut zum Risiko.

Interessiert? Dann geht’s los:

Die Bénard-Zellen

Die Bénard-Zellen, benannt nach ihrem Entdecker, sind ein physikalisches Emergenz-Phänomen. „Emergenz“ bedeutet dabei: Es bilden sich „neue Eigenschaften oder Strukturen auf der Makroebene eines Systems infolge des Zusammenspiels seiner Elemente.

Es wird warm – aber alles bleibt beim Alten

Für das Bénard-Experiment erhitzt man eine dünne, homogene viskose („zähe“) Flüssigkeitsschicht gleichmäßig an der Unterseite (z. B. Öl in einer Pfanne). Die Wärme, die an der Unterseite entsteht, wird zunächst einfach von unten nach oben durchgeleitet (Wärmeleitung).

Zu einer Stoffbewegung kommt es deshalb nicht, weil die Viskositätskräfte trotz der Erwärmung die Flüssigkeitsschichten des Öls an Ort und Stelle halten.

Bewegung erzeugt ein neues Muster

Wird der Temperaturunterschied zwischen der Unterseite und der Oberseite der Flüssigkeit weiter größer, erreicht er irgendwann einen kritischen Punkt. Die Viskositätskräfte reichen dann nicht mehr aus, um die Schichtung zu erhalten: Die Flüssigkeit gerät in Bewegung.

Bénard-Konvektion von der Seite
Bénard-Konvektion von der Seite

Die warme Schicht steigt aufgrund ihrer jetzt geringeren Dichte nach oben, die kalte Schicht sinkt aufgrund ihrer höheren Dichte ab. Es entsteht eine regelmäßige Wärmeströmung (Konvektion) mit Stofftransport in Form sog. Konvektionsrollen. Die Wärme wird dadurch effizienter transportiert. Das Titelbild zu diesem Beitrag zeigt die Konvektionsrollen von der Seite.

Von oben erscheinen die Konvektionsrollen als gleichmäßiges wabenförmiges Muster: die Bénard-Zellen.

Bénard-Zellen von oben
Bénard-Zellen, von oben

Turbulenz und Chaos

Liegt der Temperaturunterschied über diesem ersten kritischen Punkt und erreicht (z. B. durch Kühlung an der Oberseite) den zweiten kritischen Punkt, wird die bis dahin regelmäßige Strömung zur unregelmäßigen Strömung: Es entsteht Turbulenz.

Das System wird dann (im physikalischen Sinne) „chaotisch dynamisch“, was bedeutet: Die Entwicklung ist nur noch theoretisch, nicht aber praktisch vorhersehbar.

Selbst experimentieren

Wenn Sie jetzt auch Lust bekommen haben, sich aus Ihrer Unzufriedenheit wegzubewegen, möchte ich Sie ermuntern, beherzt loszulegen. Entscheiden Sie selbst, an welcher Stelle des Bildes Sie einsteigen wollen. Hier einige Anregungen:

Die Wärmequelle finden

Sie können die Temperatur nur dann gezielt erhöhen, wenn Sie Ihre Wärmequelle überhaupt kennen.

Wenn Sie zum Beispiel diffus unzufrieden sind und sehr stark an Gewohnheiten und Routinen ausgerichtet leben, kann es sein, dass Sie nur noch wenig spüren, was genau es ist, das Ihnen fehlt. Um diese Wärmequelle zu finden, könnte es ein erster Schritt sein, wieder zu spüren, was Sie stattdessen möchten.

Achten Sie dazu einmal bewusst auf das, was Sie denken und fühlen, während Sie handeln. Mit welcher Situtation Sie das üben, ist erst einmal nicht so wichtig. Nehmen Sie am besten irgendeine Situation, in der Sie sich mit Ihrem Verhalten deutlich unbehaglich gefühlt haben. Was haben Sie gedacht und gefühlt? Was hätten Sie sich gewünscht?

Je genauer Sie herausfinden, was Sie sich wünschen, desto gezielter können Sie die Temperatur erhöhen.

Die Wärmezufuhr erhöhen

Sie erhöhen immer dann die Wärmezufuhr, wenn Sie in der Situation/in dem Bereich, mit der/mit dem Sie unzufrieden sind, das nächste Mal nicht nach Ihrer Gewohnheit handeln, sondern aus Ihren Handlungsalternativen diejenige auswählen, die zu Ihrem Wunsch passt.

Wichtig ist dabei nicht, dass Sie „das“ Richtige tun. Was ist schon „das“ Richtige, wenn man sich in Neuland aufmacht? Richtig ist deshalb ein Handeln, mit dem Sie sich in die richtige Richtung bewegen. Das ist die Richtung, die Sie Ihrem Wunsch wieder ein Stück näher bringt.

Es ist auch nicht so wichtig, dass Sie gleich einen großen Schritt machen. Wichtig ist vielmehr, dass Sie überhaupt handeln (und nicht nur über Ihren Wunsch nachdenken).

Konvektion erzeugen – den kritischen Punkt erreichen

Da Sie das Bénard-Experiment verstanden haben, wissen Sie jetzt, dass das Neue erst entsteht, wenn die Viskositätskräfte die Schichten nicht mehr festhalten können.

Wenn Sie also immer in Richtung Ihres Wunsches gehen, können Sie damit rechnen, dass Sie irgendwann an den kritischen Punkt kommen: Der nächste Schritt wird Sie in wirklich unbekanntes Terrain führt.

Wie Sie diesen Punkt spüren, kann unterschiedlich sein. Vielleicht spüren Sie ihn daran, dass der nächste Schritt Ihnen Angst macht. Sie fürchten, die Kontrolle über die Dinge zu verlieren. Oder Sie merken, dass Sie nicht mehr derselbe Mensch sein werden, wenn Sie den nächsten Schritt gehen. Sie fürchten, das Schöne, das damit verbunden war, zu verlieren. Oder Sie stellen plötzlich Ihren Wunsch in Frage: Ist mir das wirklich so wichtig?

So oder so – Sie werden diesen Punkt spüren. Ob Sie ihn überwinden wollen, ist Ihre Entscheidung. Wenn Sie ihn überwinden wollen, braucht es Mut. Vermutlich werden Sie irgendetwas verlieren, und wie das Neue aussehen wird, wissen Sie noch nicht. Aber: Wenn Sie bis zu diesem Punkt immer konsequent die Abzweigung gewählt haben, die Sie näher an Ihren Wunsch führt, liegt nach meiner Erfahrung in dem Neuen auch eine gute Chance, dass sich Ihr Wunsch erfüllen wird – wenn auch vielleicht auf eine andere Weise, als Sie es sich hätten erdenken können.

Und wenn Sie im Chaos landen?

„Turbulenz“ und „Chaos“ gehören vermutlich nicht zu den beliebtesten Gemütszuständen. Trotzdem möchte ich Ihnen auch in diesem Punkt Mut machen:

Wer neues Terrain erkundet, schießt auch mal über’s Ziel hinaus. Oft ist das sogar ein notwendiges Zwischenstadium, um den persönlich stimmigen Umgang mit einer neuen Situation zu entwickeln. Nicht wenige Menschen führen sogar – bewusst oder unbewusst – chaotische Situationen herbei, weil sie aus dem Extrem Erkenntnis über sich bekommen. Grundsätzlich muss also auch das Chaos keine persönliche Katastrophe sein.

Um besonders an dieser Stelle nicht missverstanden zu werden: Ich möchte Sie nachdrücklich ermutigen, sich dem Neuen in Ihnen zu öffnen, dazu Ihre bisherigen Grenzen zu überschreiten und Risiken einzugehen. Dass das gleichzeitig verantwortlich geschieht, Sie also auch die Folgen für die betroffenen Mitmenschen angemessen einbeziehen, setze ich voraus.

In diesem Sinne: Bleiben Sie in Bewegung, und alles Gute für Ihren Weg im neuen Jahr!

 

 

Bildnachweis:

„BenardConvection“ von Harke – Eigenes Werk. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:BenardConvection.png#/media/File:BenardConvection.png

„ConvectionCells“ von I, Eyrian. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:ConvectionCells.svg#/media/File:ConvectionCells.svg

Bénard-Zellen: Oswald, Innovation und Transformation in der Projektarbeit, Vortrag 2010

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